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KNOSSOS: Ehrwürdiger Lehrer Imiglykos, hast du ein wenig Zeit für mich?

IMIGLYKOS: O Freund Knossos! Nach vielen Jahren des Studiums solltest du wissen: Allein die Götter können über die Zeit verfügen. Meine Zeit aber hat das Schicksal bestimmt.

KNOSSOS: Hältst du es denn für möglich, dass das Schicksal verfügt hat, zu genau diesem Zeitpunkt mir rede und Antwort zu stehen?

IMIGLYKOS: Was wäre ein deutlicherer Hinweis darauf, als die zumindest scheinbare Tatsache, dass wir eben dieses tun?

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Büste des Imiglykos (unbekannter Künstler, etwa 3. Jh. VUZ)

KNOSSOS: Verrät nicht das zumindest scheinbare Antworten mit Gegenfragen den minderbemittelten Rhetoriker?

IMIGLYKOS: So zahle auch du zwei Drachmen in die Amphore für misslungene Scherze und teile mir mit, wie ich deinen Drang nach Wissen befriedigen kann.

KNOSSOS: Gestern hast du behauptet, ich sei ein ausgemachter Windhund.

IMIGLYKOS: Aber nein, lieber Freund. Nie habe ich das gesagt.

KNOSSOS: Aber sagtest nicht du, mein Freund und Lehrer, wer sich allein aus dem niederen Grund auf deiner Akademie anmelde, um deine hübsche Tochter zu umwerben, anstatt ernsthaft Philosophie zu betreiben, sei ein ausgemachter Windund.

IMIGLYKOS: Das stimmt wohl, lieber Knossos.

KNOSSOS:Und würdest du mir beipflichten, wenn ich behaupte, dass meine Gedankengänge zumeist wirr und ungeordnet sind.

IMIGLYKOS:Aber absolut.

KNOSSOS: Und wenn jemand anderes, zum Beispiel unser alter Freund Anopheles, sagte, dass selbst meine Redekunst nicht überragend ist, könntest du dem zustimmen.

IMIGLYKOS: Ich würde dem würdigen Anopheles nur ungern widersprechen.

KNOSSOS: Auch mit meiner Fähigkeit, Eigenschaften von Dingen zu abstrahieren, ist es offenbar nicht weit her.

IMIGLYKOS: Nicht ein Jota!

KNOSSOS: Erschwerend käme wohl noch hinzu, dass ich mich nicht gerade durch Freidenkertum auszeichne, sondern seit Jahren schon in jener vorurteilsbehafteten Borniertheit verharre, die einem Bauern zur Ehre gereichen würde, nicht aber einem Philosophen.

IMIGLYKOS: Diese Einschätzung teile ich wohl.

KNOSSOS: Wenn aber jemand dich bäte, eine Liste aufzustellen von Fähigkeiten, über die zu verfügen du von einem gelehrigen Schüler deiner Akademie zumindest nach eine paar Monaten erwartest –

IMIGLYKOS: Fahre fort, guter Freund...

KNOSSOS: – so wären doch sicherlich eine ordentliche Aufreihung der Gedanken, eine ausgefeilte Redekunst, ein Mindestmaß an Abstraktionsfähigkeit sowie eine vorurteilsfreie Herangehensweise an Probleme jeglicher Art ganz oben auf dieser Liste.

IMIGLYKOS: Eine solche Liste würde ich unbesehen unterschreiben.

KNOSSOS: Da siehst du! Nichts habe ich gelernt. Ich bin ein schlechter Schüler der Philosophie.

IMIGLYKOS: Dem ist wohl so.

KNOSSOS: Und wenn ich nun als Entschuldigung für all mein stümperhaftes Daherstammeln angeben würde, ich hätte nichts lernen können, weil ich nämlich gar nicht dem Unterricht beigewohnt habe, wie würdest du dann reden?

IMIGLYKOS: Zweifelsohne würde ich dich nach deinen Gründen für die Säumigkeit fragen, denn davon wirst du sicherlich welche angeben können.

KNOSSOS: Aber wären die Gründe allein das engelsgleiche Gesicht deiner Tochter Retsina und ihr elfenhafter Gang, ihr seidig glänzendes Haar und die bezaubernden Beine, ganz zu schweigen von ihren prallen, wohlgeformten –

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Knossos, etwa zwei Tage nach dem Gespräch mit seinem Lehrer

IMIGLYKOS: Genug jetzt! Erspare mir die Einzelheiten.

KNOSSOS: – so wäre doch wohl aller Grund zu der Annahme gegeben, ich sei nicht wirklich an dem Studium der Wissenschaft interessiert, sondern allein an regelmäßigen Zusammenkünften mit deiner entzückenden Tocher. Ja, sogar dass meine Bitte, an deiner Schule studieren zu dürfen, nur vorgetäuscht war, um endlich eine Möglichkeit zu erhalten, mich ungehindert auf deinem Anwesen zu bewegen.

IMIGLYKOS: Wahrhaftig, es gibt kein besseres Anzeichen dafür.

KNOSSOS: So denn sehe ich einen lückenlosen Beweis geführt, dass ich wohl nicht mehr bin als ein ausgemachter Windhund, und sowohl du als auch die gesamten Mitglieder deiner Schule, die allesamt seit über 20 Jahren bei dir das Denken studieren, nicht mehr als ein Haufen alter Trottel.

IMIGLYKOS: Nun, lieber Knossos, das ist eine völlig andere Problemstellung, und die wollen wir morgen besprechen.

(aus: Logophagos, 3. Buch)

 

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