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Nicht wir sind zu klein, um das Wirkliche zu verstehen, sondern das Wirkliche ist zu klein, um von uns verstanden zu werden (Satz von der unzureichenden Realität).
Zwei Paradoxa Nicht erst die jüngeren Untersuchungen haben ein Problem aufgegriffen, das „eigentlich schon immer bestanden“ (Trinenjans 1998: 32f) hat, verstärkt aber seit Anfang des 20. Jahrhundert Gegenstand theoretischer Betrachtungen wurde: Die weit verbreitete Ablehnung der so genannten Realität. Allein die Übersetzung des Begriffs hat immer wieder teils ernst gemeinte, teils humoristisch überzeichnete Auseinandersetzungen provoziert: Vor allem die Ableitung aus dem lateinsichen Terminus res (die philologische Plausibilität sei an dieser Stelle dahin gestellt) ließ die Frage aufkommen, ob man die Neorealisten um Hartlaub zu boykottieren habe oder das Wort „Sachhaftigkeit“ angemessen und modern sei. „Aller völliger Sachsinn!“ schimpfte der Lyriker Jandl in den sechziger Jahren, und es war ihm durchaus ernst damit (Lützeler 1987: 55). Maßgeblicher aber war das Auftauchen des Symbolismus im 19. Jahrhundert und damit die Erschaffung einer schon damals bewußt zeichenhaft konstruierten Gegen-Realität. Ausflüge ins Unterbewußte, Drogengebrauch und ein geradezu suchthafter Konsum von Kunst und Literatur waren die Folge (Dornfinck 1999: 42). Zum Greuel vor allem der konservativen Kulturkritiker blieb davon nicht mehr übrig als der heute immer weiter und bei immer jüngeren Kosumentenschichten verbreitete Genuß von kurzlebiger und oberflächlicher Video- und Fernsehkunst (vgl. Hillermann 1996: 64 ff). Und schon tritt das erste Paradoxon zu Tage: Die Leute nämlich, die das künstlerische Zeichensystem als Gegenprogramm zur Realität auffassen, verdrängen dabei, dass eben dieses Zeichensystem ja selbst Teil davon ist, und zwar wesensmäßig umfassender denn nur als schattenhaft Abbildung. „Der Konsument negiert sich selbst“, urteilte gedankenvoll der Soziologe Herbert Marcuse (1967: 445). Antiparallel dazu erscheint das zweite Paradoxon, das zwar noch viel tiefere ideengeschichtliche Wurzeln hat, aber gerade in den letzten Jahrzehnten immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritk geraten ist: Der so genannte Sachzwang muß grundsätzlich herhalten, um unpopuläre Maßnahmen hauptsächlich der Politiker zu rechtfertigen und dem Zeichensystem Idealismus eine Absage zu erteilen. Dass derartige Argumentationen moralisch fragwürdig sind, ist unbestritten. Doch enlarvt sich auch, wenn man den durchschnittlichen Wahrheitsgehalt (und damit Sachhaftigkeitsgrad) der Aussagen von Politikern auf unter 15 % taxiert (geschätzt nach Bühler 1992), dass der ins Feld geführte Sachzwang nichts ist als eine Worthülse, und zwar eine programmatische und damit letzlich idealistische. Somit widerlegen die Realisten – wer auch immer sich in dieser Katergorie, freiwillig oder unfreiwillig, wieder findet – sich selbst, indem sie das Zeichenhafte dem Wirklichen zeichenhaft unterordnen, und die Antirealisten fliehen aus der Wirklichkeit in die durchaus wikliche Welt der Kunst und wechselwirken mit ihr. Beide Tendenzen sind gleichermaßen bedenklich, wenn nicht sogar gefährlich, und für den aufgeklärten Betrachter stellt sich mehr als ein mal die Frage, wie diese Positionen je so verabsolutiert werden konnten.
Drei Antworten 1. Der obige Dialog hat natürlich so niemals stattgefunden. Für einen Freund klassischer Philosophie mag er sich wie ein krudes Imitat lesen - doch gerade weil er "gelogen" (oder "erfunden") ist, birgt er die Kernaussage der parallelen Semiotik. Parallele Semiotik lässt sich nicht in ernst gemeinten Fachbüchern vermitteln; das wäre der Widerspruch in sich. 2. Wenn eine Wolf durch den Wald schleicht, um das Rotkäppchen zu fressen, machen seine Pfoten ein anderes Geräusch, als wenn er gerade ein Schaf gerissen hat.“ Dieser Aphorismus aus der Feder des völlig zu Unrecht verkannten Dichter Peter Coryllis (1952) offenbart auf verschiedenen semiotischen Ebenen, wie mit dem Problem der unzureichenden Realität umzugehen ist: Erstens zeigt er die Realität (im Sinne von Sachverhalt) als eine willkürliche Auswahl aus einer Vielzahl von möglichen Realitäten. Zweitens verquickt er physikalische Wirklichkeit und ihren zeichenhaften Charakter, indem er das Geärusch als Abbildung der umittelbaren Vergangenheit interpretiert. Und drittens stellt er die – in der abendländischen Gesellschaft - wahrscheinlich konsensfähige Realität der Biologie der erträumten oder erdichteten, auf jeden Fall aber zeichenhaften Realität des Märchens gleichberechtigt gegenüber. Einem zur Hälfte möglichen und zur Hälfte märchenhaften unabhängigen Beobachter obliegt es nun, die These zu überprüfen. Der Aphorismus endet also als selbstreferenzielles Gedankenexperiment, das sich selbst seinen Versuchsleiter konstruiert. 3. Oder anders ausgedrückt: Parallel zu unserer Realität, derer wir uns sicher sind, kann es eine andere Realität geben, die wir nur beobachten können, indem wir an ihr teilhaben. Diese „Parallelwelt“ gewinnt ihre Sachhaftigkeit allein durch Zeichenprozesse, und mittels unserer Teilhabe werden wir von ihr geprägt. Eine so genannte semiotische Wechselwirkung findet statt (vgl. Dornfinck 1999: 234). Auf diesem Gedanken baut das Konzept der parallelen Semiotik auf. Es faßt das Zeichen grundsätzlich als „Abbildung alles Möglichen“ (Maus 1998) auf. Das nicht-Bezeichnete gewinnt durch die berwußte Aussparung an Relevanz (vgl. z.B. die ehemalige taz-Abteilung „Worüber wir nicht berichten.“) Das heißt in letzter Konsequenz: Alles was bezeichnet wird, ist per definitionem auch möglich. Der Zeichenbenutzer wird selbst zum Gegenstand des semiotischen Prozesses, seine Welt wird Abbildung des Denkbaren, das Denkbare Abbildung der Zeichengesetze. „Rotkäppchen öffnet den Wolfspelz per Reißverschluß und leckt sich das Blut von den Lippen.“ (Soldnecki 1992: 158). Fazit:
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Parallele Semiotik



