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Parallele Semiotik ist ein Zweig der angewandten Ontologie, also eine Richtung der modernen Philosophie. Sie entstand aus der Verknüpfung moderner strukturaler Kommunikationstheorie mit fernöstlichem Gedankengut und wurde in Ansätzen entwickelt von den beiden Forschern Letho S. Dornfinck und Thor F. Soldnecki. Die etwa (!) 2 unbestimmten Wahrheitswerte der indischen Logik (in der indischen Philosophie kann ein Satz nicht einfach nur wahr oder falsch sein) erweitern dabei die Anzahl der aussagenlogischen Kategorien, um ein hohes, wenn auch ebenfalls unbestimmtes Maß.

 

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Modell der Erzählinstanzen in klassischer Semiotik (nach Dornfinck/ Soldnecki 1999; mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Aussagen sind aber das zentrale Thema der parallelen Semiotik, und zwar Aussagen, die auf verschiedenste Weise geäußert werden können: Sei es das direkt gesprochene Wort, ein Verkehrsschild oder ein Buch. Im Gegensatz zu den bisherigen zeichentheoretischen Betrachtungen werden die einzelnen Kommunikationsebenen nicht weiter hierarchsiert. Das heißt, wenn beispielsweise ein Schriftsteller eine etwas sagt ist es gleichwertig mit dem was er schreibt oder dem, was die Figuren in seinen Büchern sagen.

In der herkömmlichen Zeichentheorie wird ein Text in verschiedene Untertexte, die von Figuren in dem Text verfasst werden. Als populäres Beispiel wäre hier der Steppenwolf zu nennen: Der durchaus reale Schriftsteller Hermann Hesse ist der Autor des Romans (E1), der erste (äußere) Erzähler (E2) ist der Hauswirt, in dessen Bericht die Aufzeichnungen Harry Hallers (E3) zitiert werden. Dieser widerum gibt in voller Länge das "Traktat vom Steppenwolf" aus der Feder eines Unbekannten wieder. Dieser Unbekannte ist schon eine vierte Erzählinstanz (E4), wie übrigens auch alle Figuren, die in Hallers Aufzeichnung etwas sagen. Analog dazu ist Haller der innere Rezipient (R4), der Hauswirt der Leser der Aufzeichnungen (E3) u.s.w.

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Modell der Erzählinstanzen in der parallelen Semiotik (nach Dornfinck 1999; mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Verschiedene Interpretationen des Romans verneinen diese strenge - gewissermaßen digitale - Unterscheidung der Erzählinstanzen. Die Wechselwirkung der verschiedenen Textebenen wird deutlich, wenn man sich fragt, ob bzw. sich klar macht, dass

  • Haller, der Hauswirt etc. als fiktionale Erzähl- bzw. Rezeptionsinstanzen ein- und dieselbe Person sind,
  • das "Traktat vom Steppenwolf" in der fiktionalen Realität des Romans nie wirklich, sondern nur (wie das "magische Theater") in der wirren Gedankenwelt der Hauptfigur existiert hat,
  • die Figur Hallers mit der Person Hesses wesentlich übereinstimmt oder der Leser als äußere Rezeptionsinstanz sich zunehmend mit den Figuren identifizert.

Für alle diese Interpretationsansätze gibt es Befürworter und natürlich auch Gegner. Der literaturhistorische Diskurs soll an dieser Stelle nicht aufgegriffen werden. Das Beispiel soll viel mehr verdeutlichen, wie sehr die strenge Unterscheidung der Erzähl- und Rezeptionsinstanzen bei näherer Betrachtung eines Kunstwerks, das den Kommunikationsprozess bewusst thematisiert, ins Wanken gerät. Weitere Fälle für den Parallelsemiotiker sind zum Beispiel

  • Orson Welles' Radiohörspiel "Der Krieg der Welten", das in den USA eine Massenpanik auslöste;
  • die in Berlin gezeigte Ausstellung "Sieben Hügel" mit der genialen Inszenierung der Khuza-Zivilisation;
  • die Amerikanerin, die sich gegen Entführung durch Außerirdische versichert hatte und schließlich behauptete, in die Hände von Außerirdischen gefallen zu sein, woraufhin ihr die Versicherungssumme tatsächlich ausbezahlt wurde;
  • die erfolgreiche Vermarktung des Films "The Blair Witch Project" durch im Internet verbreitete Gerüchte, es handele sich um eine tatsächliche Dokumentation;
  • die 1000 Seiten umfassende Interpretation des Gedichts "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Andern zu" von E. Husserl;
  • der Eintrag "Steinlaus" in "Pschyrembel Klinisches Wörterbuch"
  • u.v.m.
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Der Shiyantura-Stein von Goa: eine Platte aus Seifengranit, auf der Prophet Shankara die Grundlagen seiner Philosophie angeblich selbst eingeritzt hat. (Lhagra Museum of Ancient Arts, Delhi)

Der Satz der unbestimmbaren Wirklichkeit ("Nichts ist sicher - alles ist Zeichen") ist das erste Axiom der parallelen Semiotik. Das heißt: Über die Wirklichkeit kann man sich nie zu 100 Prozent klar werden, man kann einzig und allein Aussagen darüber treffen. Da man sich aber ebenfalls nicht sicher sein kann, ob diese Aussagen komplett wahr sind, weist man grundsätzlich allen Aussagen einen unbestimmten Wahrheitswert zu. Dies ist das zweite Axiom der parallelen Semiotik, der Satz von der Unerklärbarkeit der Wahrheit ("Wirklichkeit ist unmöglich - Wahrheit ist relativ").
Neben wahr und falsch gibt es in der indischen Logik noch mindestens zwei weitere Kategorien : "rhababr" und das "qulambhrabl". Sehr salopp übersetzt hießen sie "warum nicht?" und "schön wär's!". Daneben gibt es noch eine weitere Kategorie (das "ngagya" ) - die etwa mit "nun gut" übersetzt werden könnte. Jedoch ist philologisch umstritten, ob diese Kategorie jemals eigenständig bestanden hat oder nicht nur ein Derivat des "qulambhrabl" ist.
Derartige Feinheiten würden den Rahmen einer Einführung sprengen. Wichtig ist nur zu wissen, dass man sich fortan von allen Einteilungen nach wahr oder falsch und viel mehr noch nach echt und künstlich verabschieden kann. Dass dies unserem gesunden Menschenverstand widerspricht ist natürlich ein Makel, der jeder abstrakten Theorie anhaftet. (Wer könnte ernsthaft behaupten, die Relativität von Raum und Zeit intuitiv verinnerlicht zu haben?)

Eine der größten Schwierigkeiten im Verhältnis zu Zaphod bestand für Trillian darin, unterscheiden zu lernen, wann er sich dumm stellte, um Leute aus der Reserve zu locken, wann er sich dumm stellte, weil er im Moment nicht überlegen und das Denken jemand anderem überlassen wollte, wann er sich unverschämt dumm stellte, um zu verbergen, daß er wirklich nicht wußte, worum es gerade ging, und wann er wirklich und wahrhaftig dumm war. (Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis)

Dieses Zitat des großen Douglas Adams zeigt verschiedene Spielarten von Realität, die für den außen Stehenden nicht nur auf den ersten Blick ununterscheidbar sind. Wie kompliziert geraten erst die Dinge, wenn die scheinbare Wahrheit nicht die Grenze ziwschen Dummheit und Klugheit, sodnern die zwischen Kunst und Wirklichkeit verwischt!

Na, haben Sie verstanden? Britney Spears ist also nichts als eine Comicfigur, während Bruce Willis zum echten Weltretter avanciert? Helmut Kohl und der Heilige Sankt Nimmerlein haben nie existiert?
Die Kulturlandschaft ist voll mit Beispielen, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge immer mehr verschwimmt, wo die Fälschung weitaus wertvoller ist als das Original, oder wo die Kunst zur Wirklichkeit wird. Mögliche Fälle, die Ihnen als Beispiele präsentiert werden, sind

  • unfreiwillig komische Texte, die sich selbst komplett ernst nehmen;
  • Satiren und Parodien, die sich nicht als solche zu erkennen geben;
  • Satiren und Parodien, die sich als solche zu erkennen geben, aber von Durchschnittsdeppen ernst genommen werden;
  • bösartige Fälschungen, deren Urheber sich was schämen sollten.

Der Wahrheitsgehalt solcher Fälle lässt sich allein im Verfasser selbst feststellen, wie ein weiteres einfaches Beispiel belegt: Man stelle sich vor, der Satz "Ich bin klein, mein Herz ist rein." würde gleichzeitig von Charlie Chaplin, Schneewittchen und Peter Gauweiler ausgesprochen werden. Wem würden Sie glauben und warum?

Auf diesen Seiten zur parallelen Semiotik finden Sie neben dieser Einführung einen theoretischen Aufsatz und einige Anwendungsbeispiele. Abschließend können Sie an einem unverbindlichen Test teilnehmen, durch den Sie erfahren, was wahr ist und was nicht.

 

Parallele Semiotik

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