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Samstag, den 24. Oktober 2009 um 09:01 Uhr
Eine aktualisierte Bibliografie zur Parallelen Semitoik

 

  • Bühler, Mario (1992): Die statistische Wirklichkeit. Diss. Kiel
  • Coryllis, Peter (1952): Gedanken vom Beissenberg. Kirchen an der Sieg: Hammer.
  • Dornfinck, Letho S. (1999): Wirklichkeit im Alltag. Ein Ratgeber. München: Fink.
  • Gehirnthaler, A.U., "Realität in der Krise" (2000), in: Zeitschrift für angewandte materialistische Erkenntnismethoden und Kulturforschung (ZAMEK), 2/2000.
  • Hillermann, Karen (1994): Breakfast Serials. Oxford: University Press.
  • Lützeler, Paul M. (1987): Ernst Jandl. Reinbek: Rowohlt.
  • Marcuse, Herbert (1967): Der eindimensionale Mensch. Frankfurt: Suhrkamp
  • Maus, Werner (1998): Lach und Sachgeschichten. Bremen: Stadtmusikanten-Verlag
  • Schnorchelbob, Friedhelm (2002): Grabsteinblusen. Schöpfung und Erlösung in der impliziten Kommunikationstheorie Wittgensteins. München: Obatzta.
  • Soldnecki, Thor F. (1992): Der Kalauer als Wille und Vorstellung, in: Dobrolowski, Ursula (Hrsg.) (1992): Die Welten des Peter Coryllis. Hünfeld: Rhön-Verlag Dr. Hohmann
  • Soldnecki / Dornfinck (1998): Metaebenen im Hyperraum. Konzept einer parallelen Semiotik. Pforzheim: Flatus & Lenz.
  • Teerkopp, Harald (2005): Ebenen brechen. In: Semiotica Bd. 4. Prag.
  • Trinenjans, Hedwig (1998): Der Januskopf des Zeichenprozesses: Interaktivität und ihre Folgen. Stuttgart: Friedhelm H. Wichs.
Aktualisiert ( Sonntag, den 25. Oktober 2009 um 18:33 Uhr )
 
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Sonntag, den 11. Oktober 2009 um 22:17 Uhr

KNOSSOS: Ehrwürdiger Lehrer Imiglykos, hast du ein wenig Zeit für mich?

IMIGLYKOS: O Freund Knossos! Nach vielen Jahren des Studiums solltest du wissen: Allein die Götter können über die Zeit verfügen. Meine Zeit aber hat das Schicksal bestimmt.

KNOSSOS: Hältst du es denn für möglich, dass das Schicksal verfügt hat, zu genau diesem Zeitpunkt mir rede und Antwort zu stehen?

IMIGLYKOS: Was wäre ein deutlicherer Hinweis darauf, als die zumindest scheinbare Tatsache, dass wir eben dieses tun?

ps_Imiglykos_Bueste
Büste des Imiglykos (unbekannter Künstler, etwa 3. Jh. VUZ)

KNOSSOS: Verrät nicht das zumindest scheinbare Antworten mit Gegenfragen den minderbemittelten Rhetoriker?

IMIGLYKOS: So zahle auch du zwei Drachmen in die Amphore für misslungene Scherze und teile mir mit, wie ich deinen Drang nach Wissen befriedigen kann.

KNOSSOS: Gestern hast du behauptet, ich sei ein ausgemachter Windhund.

IMIGLYKOS: Aber nein, lieber Freund. Nie habe ich das gesagt.

KNOSSOS: Aber sagtest nicht du, mein Freund und Lehrer, wer sich allein aus dem niederen Grund auf deiner Akademie anmelde, um deine hübsche Tochter zu umwerben, anstatt ernsthaft Philosophie zu betreiben, sei ein ausgemachter Windund.

IMIGLYKOS: Das stimmt wohl, lieber Knossos.

KNOSSOS:Und würdest du mir beipflichten, wenn ich behaupte, dass meine Gedankengänge zumeist wirr und ungeordnet sind.

IMIGLYKOS:Aber absolut.

KNOSSOS: Und wenn jemand anderes, zum Beispiel unser alter Freund Anopheles, sagte, dass selbst meine Redekunst nicht überragend ist, könntest du dem zustimmen.

IMIGLYKOS: Ich würde dem würdigen Anopheles nur ungern widersprechen.

KNOSSOS: Auch mit meiner Fähigkeit, Eigenschaften von Dingen zu abstrahieren, ist es offenbar nicht weit her.

IMIGLYKOS: Nicht ein Jota!

KNOSSOS: Erschwerend käme wohl noch hinzu, dass ich mich nicht gerade durch Freidenkertum auszeichne, sondern seit Jahren schon in jener vorurteilsbehafteten Borniertheit verharre, die einem Bauern zur Ehre gereichen würde, nicht aber einem Philosophen.

IMIGLYKOS: Diese Einschätzung teile ich wohl.

KNOSSOS: Wenn aber jemand dich bäte, eine Liste aufzustellen von Fähigkeiten, über die zu verfügen du von einem gelehrigen Schüler deiner Akademie zumindest nach eine paar Monaten erwartest –

IMIGLYKOS: Fahre fort, guter Freund...

KNOSSOS: – so wären doch sicherlich eine ordentliche Aufreihung der Gedanken, eine ausgefeilte Redekunst, ein Mindestmaß an Abstraktionsfähigkeit sowie eine vorurteilsfreie Herangehensweise an Probleme jeglicher Art ganz oben auf dieser Liste.

IMIGLYKOS: Eine solche Liste würde ich unbesehen unterschreiben.

KNOSSOS: Da siehst du! Nichts habe ich gelernt. Ich bin ein schlechter Schüler der Philosophie.

IMIGLYKOS: Dem ist wohl so.

KNOSSOS: Und wenn ich nun als Entschuldigung für all mein stümperhaftes Daherstammeln angeben würde, ich hätte nichts lernen können, weil ich nämlich gar nicht dem Unterricht beigewohnt habe, wie würdest du dann reden?

IMIGLYKOS: Zweifelsohne würde ich dich nach deinen Gründen für die Säumigkeit fragen, denn davon wirst du sicherlich welche angeben können.

KNOSSOS: Aber wären die Gründe allein das engelsgleiche Gesicht deiner Tochter Retsina und ihr elfenhafter Gang, ihr seidig glänzendes Haar und die bezaubernden Beine, ganz zu schweigen von ihren prallen, wohlgeformten –

ps_knossos_kopf
Knossos, etwa zwei Tage nach dem Gespräch mit seinem Lehrer

IMIGLYKOS: Genug jetzt! Erspare mir die Einzelheiten.

KNOSSOS: – so wäre doch wohl aller Grund zu der Annahme gegeben, ich sei nicht wirklich an dem Studium der Wissenschaft interessiert, sondern allein an regelmäßigen Zusammenkünften mit deiner entzückenden Tocher. Ja, sogar dass meine Bitte, an deiner Schule studieren zu dürfen, nur vorgetäuscht war, um endlich eine Möglichkeit zu erhalten, mich ungehindert auf deinem Anwesen zu bewegen.

IMIGLYKOS: Wahrhaftig, es gibt kein besseres Anzeichen dafür.

KNOSSOS: So denn sehe ich einen lückenlosen Beweis geführt, dass ich wohl nicht mehr bin als ein ausgemachter Windhund, und sowohl du als auch die gesamten Mitglieder deiner Schule, die allesamt seit über 20 Jahren bei dir das Denken studieren, nicht mehr als ein Haufen alter Trottel.

IMIGLYKOS: Nun, lieber Knossos, das ist eine völlig andere Problemstellung, und die wollen wir morgen besprechen.

(aus: Logophagos, 3. Buch)

Aktualisiert ( Sonntag, den 25. Oktober 2009 um 18:33 Uhr )
 
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Sonntag, den 11. Oktober 2009 um 22:15 Uhr
Nicht wir sind zu klein, um das Wirkliche zu verstehen, sondern das Wirkliche ist zu klein, um von uns verstanden zu werden (Satz von der unzureichenden Realität).

Zwei Paradoxa

Nicht erst die jüngeren Untersuchungen haben ein Problem aufgegriffen, das „eigentlich schon immer bestanden“ (Trinenjans 1998: 32f) hat, verstärkt aber seit Anfang des 20. Jahrhundert Gegenstand theoretischer Betrachtungen wurde: Die weit verbreitete Ablehnung der so genannten Realität.

Allein die Übersetzung des Begriffs hat immer wieder teils ernst gemeinte, teils humoristisch überzeichnete Auseinandersetzungen provoziert: Vor allem die Ableitung aus dem lateinsichen Terminus res (die philologische Plausibilität sei an dieser Stelle dahin gestellt) ließ die Frage aufkommen, ob man die Neorealisten um Hartlaub zu boykottieren habe oder das Wort „Sachhaftigkeit“ angemessen und modern sei. „Aller völliger Sachsinn!“ schimpfte der Lyriker Jandl in den sechziger Jahren, und es war ihm durchaus ernst damit (Lützeler 1987: 55). Maßgeblicher aber war das Auftauchen des Symbolismus im 19. Jahrhundert und damit die Erschaffung einer schon damals bewußt zeichenhaft konstruierten Gegen-Realität. Ausflüge ins Unterbewußte, Drogengebrauch und ein geradezu suchthafter Konsum von Kunst und Literatur waren die Folge (Dornfinck 1999: 42). Zum Greuel vor allem der konservativen Kulturkritiker blieb davon nicht mehr übrig als der heute immer weiter und bei immer jüngeren Kosumentenschichten verbreitete Genuß von kurzlebiger und oberflächlicher Video- und Fernsehkunst (vgl. Hillermann 1996: 64 ff).

Und schon tritt das erste Paradoxon zu Tage: Die Leute nämlich, die das künstlerische Zeichensystem als Gegenprogramm zur Realität auffassen, verdrängen dabei, dass eben dieses Zeichensystem ja selbst Teil davon ist, und zwar wesensmäßig umfassender denn nur als schattenhaft Abbildung. „Der Konsument negiert sich selbst“, urteilte gedankenvoll der Soziologe Herbert Marcuse (1967: 445). Antiparallel dazu erscheint das zweite Paradoxon, das zwar noch viel tiefere ideengeschichtliche Wurzeln hat, aber gerade in den letzten Jahrzehnten immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritk geraten ist: Der so genannte Sachzwang muß grundsätzlich herhalten, um unpopuläre Maßnahmen hauptsächlich der Politiker zu rechtfertigen und dem Zeichensystem Idealismus eine Absage zu erteilen. Dass derartige Argumentationen moralisch fragwürdig sind, ist unbestritten. Doch enlarvt sich auch, wenn man den durchschnittlichen Wahrheitsgehalt (und damit Sachhaftigkeitsgrad) der Aussagen von Politikern auf unter 15 % taxiert (geschätzt nach Bühler 1992), dass der ins Feld geführte Sachzwang nichts ist als eine Worthülse, und zwar eine programmatische und damit letzlich idealistische.

Somit widerlegen die Realisten – wer auch immer sich in dieser Katergorie, freiwillig oder unfreiwillig, wieder findet – sich selbst, indem sie das Zeichenhafte dem Wirklichen zeichenhaft unterordnen, und die Antirealisten fliehen aus der Wirklichkeit in die durchaus wikliche Welt der Kunst und wechselwirken mit ihr. Beide Tendenzen sind gleichermaßen bedenklich, wenn nicht sogar gefährlich, und für den aufgeklärten Betrachter stellt sich mehr als ein mal die Frage, wie diese Positionen je so verabsolutiert werden konnten.

 

Drei Antworten

1. Der obige Dialog hat natürlich so niemals stattgefunden. Für einen Freund klassischer Philosophie mag er sich wie ein krudes Imitat lesen - doch gerade weil er "gelogen" (oder "erfunden") ist, birgt er die Kernaussage der parallelen Semiotik. Parallele Semiotik lässt sich nicht in ernst gemeinten Fachbüchern vermitteln; das wäre der Widerspruch in sich.

2. Wenn eine Wolf durch den Wald schleicht, um das Rotkäppchen zu fressen, machen seine Pfoten ein anderes Geräusch, als wenn er gerade ein Schaf gerissen hat.“ Dieser Aphorismus aus der Feder des völlig zu Unrecht verkannten Dichter Peter Coryllis (1952) offenbart auf verschiedenen semiotischen Ebenen, wie mit dem Problem der unzureichenden Realität umzugehen ist: Erstens zeigt er die Realität (im Sinne von Sachverhalt) als eine willkürliche Auswahl aus einer Vielzahl von möglichen Realitäten. Zweitens verquickt er physikalische Wirklichkeit und ihren zeichenhaften Charakter, indem er das Geärusch als Abbildung der umittelbaren Vergangenheit interpretiert. Und drittens stellt er die – in der abendländischen Gesellschaft - wahrscheinlich konsensfähige Realität der Biologie der erträumten oder erdichteten, auf jeden Fall aber zeichenhaften Realität des Märchens gleichberechtigt gegenüber. Einem zur Hälfte möglichen und zur Hälfte märchenhaften unabhängigen Beobachter obliegt es nun, die These zu überprüfen. Der Aphorismus endet also als selbstreferenzielles Gedankenexperiment, das sich selbst seinen Versuchsleiter konstruiert.

3. Oder anders ausgedrückt: Parallel zu unserer Realität, derer wir uns sicher sind, kann es eine andere Realität geben, die wir nur beobachten können, indem wir an ihr teilhaben. Diese „Parallelwelt“ gewinnt ihre Sachhaftigkeit allein durch Zeichenprozesse, und mittels unserer Teilhabe werden wir von ihr geprägt. Eine so genannte semiotische Wechselwirkung findet statt (vgl. Dornfinck 1999: 234).

Auf diesem Gedanken baut das Konzept der parallelen Semiotik auf. Es faßt das Zeichen grundsätzlich als „Abbildung alles Möglichen“ (Maus 1998) auf. Das nicht-Bezeichnete gewinnt durch die berwußte Aussparung an Relevanz (vgl. z.B. die ehemalige taz-Abteilung „Worüber wir nicht berichten.“) Das heißt in letzter Konsequenz: Alles was bezeichnet wird, ist per definitionem auch möglich. Der Zeichenbenutzer wird selbst zum Gegenstand des semiotischen Prozesses, seine Welt wird Abbildung des Denkbaren, das Denkbare Abbildung der Zeichengesetze. „Rotkäppchen öffnet den Wolfspelz per Reißverschluß und leckt sich das Blut von den Lippen.“ (Soldnecki 1992: 158).

Fazit:
Wir sind nicht nur Träume einer irren Gottheit, sondern wahrscheinlich auch ihre Psychoanalytiker. Die parallele Semiotik als wissenschaftliche Disziplin versteht sich als Plattform für alle Analysen von sich ihrer selbst als solche bewußten Gegenentwürfe zur Realität. Dazu zählen utopische Konzepte genau so wie die Werke des Enzyklopädisten Amborse Bierce oder die suggestofiktiven Untersuchungen der Khuza-Zivilisation. Während die oben angeführten konservativen Kulturkritker gerade in den 90er Jahren des 20. Jahrhundert nicht ohne Grund das Internet verantwortlich machen für die Anarchisierung der Kultur, für das ausufernde Wachstum ungezählter Gegenentwürfe zur Realität und die nicht mehr zu kontrolllierende Verwaschung der Zeicheninstanzen qua Interaktivität vergnügen sich die Parallelsemiotiker an einem wachsenden Forschungsfeld. Die Zukunft wird zeigen, wie weit eine allgestaltige Realität in unserem Dasein bestimmend sein wird.

 

Aktualisiert ( Sonntag, den 25. Oktober 2009 um 18:33 Uhr )
 
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Sonntag, den 11. Oktober 2009 um 21:23 Uhr
Parallele Semiotik ist ein Zweig der angewandten Ontologie, also eine Richtung der modernen Philosophie. Sie entstand aus der Verknüpfung moderner strukturaler Kommunikationstheorie mit fernöstlichem Gedankengut und wurde in Ansätzen entwickelt von den beiden Forschern Letho S. Dornfinck und Thor F. Soldnecki. Die etwa (!) 2 unbestimmten Wahrheitswerte der indischen Logik (in der indischen Philosophie kann ein Satz nicht einfach nur wahr oder falsch sein) erweitern dabei die Anzahl der aussagenlogischen Kategorien, um ein hohes, wenn auch ebenfalls unbestimmtes Maß.

 

ps_diagramm01

Modell der Erzählinstanzen in klassischer Semiotik (nach Dornfinck/ Soldnecki 1999; mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Aussagen sind aber das zentrale Thema der parallelen Semiotik, und zwar Aussagen, die auf verschiedenste Weise geäußert werden können: Sei es das direkt gesprochene Wort, ein Verkehrsschild oder ein Buch. Im Gegensatz zu den bisherigen zeichentheoretischen Betrachtungen werden die einzelnen Kommunikationsebenen nicht weiter hierarchsiert. Das heißt, wenn beispielsweise ein Schriftsteller eine etwas sagt ist es gleichwertig mit dem was er schreibt oder dem, was die Figuren in seinen Büchern sagen.

In der herkömmlichen Zeichentheorie wird ein Text in verschiedene Untertexte, die von Figuren in dem Text verfasst werden. Als populäres Beispiel wäre hier der Steppenwolf zu nennen: Der durchaus reale Schriftsteller Hermann Hesse ist der Autor des Romans (E1), der erste (äußere) Erzähler (E2) ist der Hauswirt, in dessen Bericht die Aufzeichnungen Harry Hallers (E3) zitiert werden. Dieser widerum gibt in voller Länge das "Traktat vom Steppenwolf" aus der Feder eines Unbekannten wieder. Dieser Unbekannte ist schon eine vierte Erzählinstanz (E4), wie übrigens auch alle Figuren, die in Hallers Aufzeichnung etwas sagen. Analog dazu ist Haller der innere Rezipient (R4), der Hauswirt der Leser der Aufzeichnungen (E3) u.s.w.

ps_diagramm02

Modell der Erzählinstanzen in der parallelen Semiotik (nach Dornfinck 1999; mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Verschiedene Interpretationen des Romans verneinen diese strenge - gewissermaßen digitale - Unterscheidung der Erzählinstanzen. Die Wechselwirkung der verschiedenen Textebenen wird deutlich, wenn man sich fragt, ob bzw. sich klar macht, dass

  • Haller, der Hauswirt etc. als fiktionale Erzähl- bzw. Rezeptionsinstanzen ein- und dieselbe Person sind,
  • das "Traktat vom Steppenwolf" in der fiktionalen Realität des Romans nie wirklich, sondern nur (wie das "magische Theater") in der wirren Gedankenwelt der Hauptfigur existiert hat,
  • die Figur Hallers mit der Person Hesses wesentlich übereinstimmt oder der Leser als äußere Rezeptionsinstanz sich zunehmend mit den Figuren identifizert.

Für alle diese Interpretationsansätze gibt es Befürworter und natürlich auch Gegner. Der literaturhistorische Diskurs soll an dieser Stelle nicht aufgegriffen werden. Das Beispiel soll viel mehr verdeutlichen, wie sehr die strenge Unterscheidung der Erzähl- und Rezeptionsinstanzen bei näherer Betrachtung eines Kunstwerks, das den Kommunikationsprozess bewusst thematisiert, ins Wanken gerät. Weitere Fälle für den Parallelsemiotiker sind zum Beispiel

  • Orson Welles' Radiohörspiel "Der Krieg der Welten", das in den USA eine Massenpanik auslöste;
  • die in Berlin gezeigte Ausstellung "Sieben Hügel" mit der genialen Inszenierung der Khuza-Zivilisation;
  • die Amerikanerin, die sich gegen Entführung durch Außerirdische versichert hatte und schließlich behauptete, in die Hände von Außerirdischen gefallen zu sein, woraufhin ihr die Versicherungssumme tatsächlich ausbezahlt wurde;
  • die erfolgreiche Vermarktung des Films "The Blair Witch Project" durch im Internet verbreitete Gerüchte, es handele sich um eine tatsächliche Dokumentation;
  • die 1000 Seiten umfassende Interpretation des Gedichts "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Andern zu" von E. Husserl;
  • der Eintrag "Steinlaus" in "Pschyrembel Klinisches Wörterbuch"
  • u.v.m.
ps_stein

Der Shiyantura-Stein von Goa: eine Platte aus Seifengranit, auf der Prophet Shankara die Grundlagen seiner Philosophie angeblich selbst eingeritzt hat. (Lhagra Museum of Ancient Arts, Delhi)

Der Satz der unbestimmbaren Wirklichkeit ("Nichts ist sicher - alles ist Zeichen") ist das erste Axiom der parallelen Semiotik. Das heißt: Über die Wirklichkeit kann man sich nie zu 100 Prozent klar werden, man kann einzig und allein Aussagen darüber treffen. Da man sich aber ebenfalls nicht sicher sein kann, ob diese Aussagen komplett wahr sind, weist man grundsätzlich allen Aussagen einen unbestimmten Wahrheitswert zu. Dies ist das zweite Axiom der parallelen Semiotik, der Satz von der Unerklärbarkeit der Wahrheit ("Wirklichkeit ist unmöglich - Wahrheit ist relativ").
Neben wahr und falsch gibt es in der indischen Logik noch mindestens zwei weitere Kategorien : "rhababr" und das "qulambhrabl". Sehr salopp übersetzt hießen sie "warum nicht?" und "schön wär's!". Daneben gibt es noch eine weitere Kategorie (das "ngagya" ) - die etwa mit "nun gut" übersetzt werden könnte. Jedoch ist philologisch umstritten, ob diese Kategorie jemals eigenständig bestanden hat oder nicht nur ein Derivat des "qulambhrabl" ist.
Derartige Feinheiten würden den Rahmen einer Einführung sprengen. Wichtig ist nur zu wissen, dass man sich fortan von allen Einteilungen nach wahr oder falsch und viel mehr noch nach echt und künstlich verabschieden kann. Dass dies unserem gesunden Menschenverstand widerspricht ist natürlich ein Makel, der jeder abstrakten Theorie anhaftet. (Wer könnte ernsthaft behaupten, die Relativität von Raum und Zeit intuitiv verinnerlicht zu haben?)

Eine der größten Schwierigkeiten im Verhältnis zu Zaphod bestand für Trillian darin, unterscheiden zu lernen, wann er sich dumm stellte, um Leute aus der Reserve zu locken, wann er sich dumm stellte, weil er im Moment nicht überlegen und das Denken jemand anderem überlassen wollte, wann er sich unverschämt dumm stellte, um zu verbergen, daß er wirklich nicht wußte, worum es gerade ging, und wann er wirklich und wahrhaftig dumm war. (Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis)

Dieses Zitat des großen Douglas Adams zeigt verschiedene Spielarten von Realität, die für den außen Stehenden nicht nur auf den ersten Blick ununterscheidbar sind. Wie kompliziert geraten erst die Dinge, wenn die scheinbare Wahrheit nicht die Grenze ziwschen Dummheit und Klugheit, sodnern die zwischen Kunst und Wirklichkeit verwischt!

Na, haben Sie verstanden? Britney Spears ist also nichts als eine Comicfigur, während Bruce Willis zum echten Weltretter avanciert? Helmut Kohl und der Heilige Sankt Nimmerlein haben nie existiert?
Die Kulturlandschaft ist voll mit Beispielen, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge immer mehr verschwimmt, wo die Fälschung weitaus wertvoller ist als das Original, oder wo die Kunst zur Wirklichkeit wird. Mögliche Fälle, die Ihnen als Beispiele präsentiert werden, sind

  • unfreiwillig komische Texte, die sich selbst komplett ernst nehmen;
  • Satiren und Parodien, die sich nicht als solche zu erkennen geben;
  • Satiren und Parodien, die sich als solche zu erkennen geben, aber von Durchschnittsdeppen ernst genommen werden;
  • bösartige Fälschungen, deren Urheber sich was schämen sollten.

Der Wahrheitsgehalt solcher Fälle lässt sich allein im Verfasser selbst feststellen, wie ein weiteres einfaches Beispiel belegt: Man stelle sich vor, der Satz "Ich bin klein, mein Herz ist rein." würde gleichzeitig von Charlie Chaplin, Schneewittchen und Peter Gauweiler ausgesprochen werden. Wem würden Sie glauben und warum?

Auf diesen Seiten zur parallelen Semiotik finden Sie neben dieser Einführung einen theoretischen Aufsatz und einige Anwendungsbeispiele. Abschließend können Sie an einem unverbindlichen Test teilnehmen, durch den Sie erfahren, was wahr ist und was nicht.

Aktualisiert ( Sonntag, den 25. Oktober 2009 um 18:32 Uhr )
 
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Sonntag, den 11. Oktober 2009 um 21:23 Uhr
Willkommen im 21. Jahrhundert! Die globale Kommunikation nimmt immer größere Ausmaße an. Die Informationsflut steigt und steigt, doch der moderne Mensch ist gezwungen, ganz dicht am Ufer zu bauen. Ein gefährliches Spiel...

Fällt es Ihnen auch immer schwerer, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden? Fühlen Sie sich verunsichert durch die täglich steigenden Zahl von Publikationen, nicht nur im Internet?

Keine Sorge! Dies ist nicht die Homepage einer Weltuntergangs-, Weltverbesserungs- oder Welterklärungssekte, die Ihnen weis machen will, dass früher sowieso alles besser war, das Internet den Untergang der abendländischen Kultur einleitet oder dass seit den "Buddenbroks" kein nennenswerter Roman mehr verfasst wurde. Um genau zu sein: Hier wird noch nicht einmal behauptet, dass Sie glauben dürfen, was Sie hier lesen. Denn für alle Leute, die keine Lust mehr haben auf das ewige Kann-ja-Jeder-sagen, kann die parallele Semiotik einen Wegweiser im Zeichendschungel darstellen.

Aktualisiert ( Sonntag, den 25. Oktober 2009 um 18:32 Uhr )